Sonntag, 7. November 2010

"Die Kunst für Alle"




Zu DDR-Zeiten kam man nur schwer an westliche Literatur und Publikationen heran. Dies hatte zur Folge, daß antiquarische Literatur vor 1933 in der DDR einen höheren Stellenwert hatte als in Westdeutschland, denn wer wollte schon nur die Literatur lesen die es in der DDR gab? Zum Glück bekam man Bücher und Zeitschriften aus alter Zeit noch in Massen und so kaufte und las ich viele Zeitschriften, wie „Velhagen- und Klasings-Monatshefte“ (http://barrynoa.blogspot.com/2009/09/velhagen-klasings-monatshefte.html ), das alte „Magazin“ (http://barrynoa.blogspot.com/2008/10/das-alte-magazin.html ), „Westermanns Monatshefte“, „Deutsche Kunst und Dekoration“, „Die Jugend“ (http://barrynoa.blogspot.com/2008/02/die-jugend-um-1900.html ), „Die Schönheit“ und „Kunst für Alle“.

„Die Kunst für Alle“ erschien von 1885 bei 1944 bei Bruckmann und es war wirklich eine Kunstzeitschrift die für alle erschwinglich war (1,00 Mark). Breite Schichten der Bevölkerung kamen dadurch mit zeitgenössischer Kunst in Kontakt, wenngleich nur mit wenig avantgardistischer, denn „Die Kunst für Alle“ war eher konservativ eingestellt. Um einen kleinen Einblick zu gewähren, heute mal ein paar Scans aus dieser Zeitschrift um 1900. Meistens nahm sich „Die Kunst für Alle“ eines Schwerpunktthemas an, bei dem Heft vom 15. Februar 1909 (siehe erster Scan) dem Künstler Johannes Bossard (siehe 2. bis 4. Scan). Immer wieder gab es in den Heften auch Sonderbeilagen, meistens als Mezzotinto, siehe Franz Metzners Skulptur „Erde“ und Lovis Corinths „Die Waffen des Mars“. Natürlich durfte schon damals Reklame nicht fehlen, wie der letzte Scan zeigt.

Samstag, 6. November 2010

Beiträge zur anhaltischen Mundart - Teil 6: Alfred Wirth



Ein bedeutender anhaltischer Mundartforscher war Professor Alfred Wirth. Heute im Blog drei seiner Schriften die er zu diesem Thema verfaßte: „Dorfheimat“ aus dem Jahre 1928, „Der Mensch im Anhalter Volksmund“ von 1951 und „Neue Beiträge zur anhaltischen Volkskunde“ von 1956. Im „Dessauer Kulturspiegel“ von 1955, Heft 3, hat er eine kurze Zusammenfassung des Wesens der anhaltischen Mundart gegeben, die lesenswert ist, siehe:


Unser Anhaltland ist bis etwa 600 n.d.Z. von Germanen bewohnt gewesen. Als die Thüringer das Land rechts der Saale geräumt hatten, drangen slawische Stämme in den leeren Räumen nach. Sie waren zu Beginn des 7. Jahrhunderts bereits in ziemlicher Menge hier ansässig und versuchten, sich über der Saale nach Westen auszudehnen. Der Rückstoß begann unter Heinrich I., dem Städtegründer.
Er sicherte die Grenzen durch die Ansiedlung reisiger Dienstmannen in Burgwarten. So im Gau Nalatzi zwischen Saale, Fuhne, unterer Elster, im Gau Serimunt zwischen Saale, Elbe, Mulde und Fuhne und im Gau Nisititsi zwischen Mulde, Elbe, Schwarzer Elster. Otto I. legte Marken an. Die Rückgewinnung wurde wesentlich gefördert durch die Klöster in Gernrode und Nienburg.
Vielfach wurden Edle oder ihre Dienstmannen mit Sorbenland belehnt; so entstanden die zahlreichen Sattelhöfe (Sattel = Sedel = Sitz). In der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts, etwa um 1075, ist nicht mehr die Saale in ihrem Unterlauf die Grenze zwischen Deutschland und Slawen, sondern die Elbe in ihrem Mittellauf. Die hier wohnenden Slawen waren meist Sorben, später kurzweg Wenden genannt.
Seit dem 12. Jahrhundert kamen deutsche Bauern in das Land. Neben den alten slawischen entstanden deutsche Dörfern, die sich in unserer Gegend durch die Vorsilbe Groß- von den als Klein- oder Alt- bezeichneten wendischen unterschieden. Thüringer, Nordschwaben, Sachsen stellten die Masse der Kolonisten. Albrecht der Bär holte auch Flamländer, d. h. Niederfranken heran, die sich hauptsächlich im Kreis Zerbst bis zum Fläming und im Wörlitzer Winkel zwischen Mulde und Elbe, aber auch weiter südlich niederließen.
Die wendische Bevölkerung wanderte nach Osten und vermischte sich allmählich mit den deutschen Kolonisten. Unter den Dorfformen finden wir häufig das Straßendorf, das Dorf der Kolonisten, und den Rundling, besonders gut in Storkau, Luso, Rietzmeck erhalten, bei dem die nach außen gekehrten Wirtschaftsgebäude und Gärten sowie die einzige Zugangsstraße den Charakter der Schutz- und Verteidigungsanlagen zeigen. 1293 wurde das Deutsche die alleinige Gerichtssprache.
Das Wendische hat sich gleichwohl noch lange erhalten. Noch im 19. Jahrhundert wurden Landsleute von rechts der Elbe, die zum Barbyer Markt kamen, Pomeiböcke genannt, ein Name, der aus ihrem Gruß Pomei = Hilf Gott abgeleitet ist. Worte aus slawischem Ursprung, die allerdings zum größten Teil nur in der Sprache des Volkes gebraucht werden, dürften die folgenden sein: Bemme oder Bumme, Plinsen, Quark, Kietz = Haus, Halunke, Knute, Plautze. pietschen, Peitsche, Moch = Moos, Pomäle = bequem und andere mehr. Die Ortsnamen auf o, ow, owitz, nitz, igk weisen ebenfalls auf slawischen Ursprung.

Das Niederdeutsche, das wir in der Mundart Platt nennen, war einst in unserem Lande die Volkssprache. Es reichte von der Südgrenze des Anhalter Harzes bis zur Saale bei Halle und umfaßte auch die Grafschaft Mansfeld und die Gegend von Merseburg. Eike von Repkow, der große Sohn unseres Landes schrieb seinen Sachsenspiegel, das älteste deutsche Rechtsbuch, in der ihm geläufigen, sehr stark mit niederdeutsch gefärbten Mundart. Aber allmählich drang das mitteldeutsche von Süden her vor, und zwar in unserem Land das Obersächsische, zunächst in der Kanzleisprache, dann aber auch in der Mundart.

Das Niederdeutsche ging nach Norden zurück, der Umlauf der Saale und die Elbe bildeten lange die Grenze. Heute läuft die Sprachgrenze schon nördlich der Elbe durch den Zerbster Kreis, und man hört Klagen, daß die Jugend sich des Platts entwöhnt und nur noch die Alten das von den Vätern ererbte Gut sprechen.
Ja, auch die Mundart ist im Rückgang vor dem Hochdeutschen, obwohl Hermann Wäschke in seinen Paschlewwer Geschichten und auch einige Dessauer, wie Richter, Wittig und Krause, beweisen, daß sie sehr wohl literarisch verwertet werden kann. Eine einheitliche Mundart haben wir in Anhalt nicht. Hier scheiden sich mitteldeutsch und niederdeutsch, die alte Kolonisationsgrenze zwischen West und Ost und auch die alten Verkehrsstraßen Magdeburg – Bernburg – Leipzig und West – Ost Harz – Bernburg – Dessau – Wittenberg. Im Hauptteil des Landes zwischen Saale und Elbe herrscht das Obersächsische.
Im nördlichen Teil des Kreises Zerbst und in der Nordwestspitze des Kreises Bernburg sowie im flachen Harzvorland des Kreises Ballenstedt das niederdeutsche, im gebirgigen Teil des Kreises Bernburg ist der Mansfelder Dialekt eingedrungen, selber eine Mischung von Nordthüringisch und Obersächsisch. Unsere Mundart ist also das Mitteldeutsche, mit einigen Resten slawischen und flämischen Ursprungs.
Zu diesem letzteren gehören etwa Worte wie Moll = Maulwurf, kiesäte = wählerisch, schleech full = gestrichen voll, Kanten = Endstück beim Brot, Mire = Ameise, Polauke = Regenmade, leech = niedrig, Bäseken = Heidelbeeren, musicke = edelfaul. Sehr viele Worte sind niederdeutsch oder aus dem Niederdeutschen umwandelt, wie anken = sich sehnen, Appel, blaken, Bräm, Damp, heesch, Kettel, Klump, Napper, Schneppe, trecken, Topp usw. Wie andere Mundarten zeichnet sich auch die unsere durch eine erstaunliche Fülle des Ausdrucks aus.
Ein Beispiel genüge für viele. Wer gern trinkt, der macht ein Prösterchen, pilpert, bläst, pichelt, pietscht, nimmt eenen, nimmt gern an Wupptich; hat er sich betrunken, dann hat er eenen genehmigt, gekippt, genommen, hinter die Binde gegossen, gepfiffen, an Wupptich genommen, eenen uffjehuckt, er hat geladen, schief geladen, eenen sitzen.
Er ist dann angesäuselt, beduselt, hat sich stark angefeuchtet, in Spiritus gesetzt, hat zu tief in de Pulle geguckt, ewwern Dorscht getrunken, ist benebelt, selig, satt, fett, knille. Er hat an kleenen Spitz, an Affen, an Käwer, an Schtich, an Hieb, er hat jenunk. Er ist im Dampe, full, schtockschternhagelbesoffen, besoffen wie anne Schtrippe, Radehacke, an Schtint.

Die Bildhaftigkeit des Ausdrucks zeigt sich in Vergleichen, die den Menschen des Volkes aus der Umwelt zur Verfügung stehen, so etwa: er ist dicke wie anne Pauke, dorre wie ne Zicke, dumm wie Bohnenstroh, jeputzt wie an Finestochse (Erinnerung an den alten, bei uns geschwundenen Brauch, zu Pfingsten einen geschmückten Ochsen durch das Dorf zu führen und dann zu schlachten), flink wie an Wiesel, fleißig wie ne Biene, arm wie ne Kirchenmaus, naß wie anne jebadete Katze, krumm wie anne Neine, schlank wie anne Tanne, jewachsen wie anne Tanne, jewachsen wie en Eechboom.
Er redet wie an Afkate (Advokat), leeft wie an Barschtenbinger, friert wie an Schneider, ißt wie an Scheinen- oder Hofdrescher, arbeet wie an Färd, bellt wie an Leewe, heilt wie an Schloßhund usw. Beliebt ist auch die Verdeutlichung von Eigenschaftswörtern durch Hauptwörter, z. B. käse-, kreide-, schneeweiß, leichenblaß, raben-kohlen-pechschwarz, krebs-puter-kirsch-rasenrot, zentnerschwer, federleicht, butterweich, blitzblank usw.
Unsere Volkssprache steckt voller Humor, der Nächste wird nicht verschont. Ob es nun körperliche oder geistige Mängel oder Auffälligkeiten sind, das Volk beobachtet und urteilt scharf und erbarmungslos wie die Kinder. Und doch zeigt die Wahl des Ausdrucks nur selten eine verletzende Schärfe. Meist steckt in ihm ein zwar robuster, aber doch versöhnender Humor. Hören wir, was die Volkssprache von Nase, Mund und Ohr zu sagen weiß. Der Mensch mit einer großen Nase ist Nasenkönig, er hat zweimal „hier“ gerufen, als es Nasen gab. Die kleine Nase ist Stups-, Fips- oder Pfutznase, die breite ist die Gurke, Kartoffelnase oder Lötkolben, die nach oben gebogene ist Himmelfahrtsnase oder Regenfänger. Die rote Nase heißt Glühwürmchen oder Glühkolben, Glühstrumpf, Erdbeere, Kupperbargwerk, Schlapp- oder Eselsohren, abstehende sind Lappohren. Der breite Mund reicht von einem Ohr zum anderen. Die Ohren eines solchen Menschen erhalten Besuch, wenn dieser lacht. So findet der Volksmund witzige, manchmal grobe, meißt aber treffende Ausdrücke für charakteristische Schwächen des Menschen, ob er nun langsam denkt, langweilig spricht, gern von sich oder über andere redet, leicht erregt oder oft mürrisch ist, fröhlich, leichtsinnig oder unzuverlässig, neidisch oder unordentlich ist. Die Volksmundart ist treffsicher, lebensnah, bilderreich und wirkt wie ein frischer Quell. Sie sollte darum nicht verachtet, sondern geachtet werden und auch in der Schule wieder zu ihrem Rechte kommen. Ein Gemisch von Hochdeutsch und Mundart taugt nichts, entweder Hochdeutsch oder Mundart. Da wir aber die Mundart als köstliches, naturnahes Gut besitzen, wollen wir sie hüten und gebrauchen.

Freitag, 5. November 2010

Beiträge zur anhaltischen Mundart - Teil 5: Willibald Krause


Im ersten Teil meiner Beiträge zur anhaltischen Mundart, siehe: http://barrynoa.blogspot.com/2010/10/beitrage-zur-anhaltischen-mundart-teil.html, schrieb ich über den Dessauer Mundartdichter Willibald Krause und scannte ein Foto von ihm mit einer netten Widmung für mich ein. Heute nun, für die Leser des B.N.-Blogs, eine kleine Zusammenstellung der Bücher und Schriften Willibald Krauses die in der Zeit von 1964 bis 1994 erschienen:


Beiträge zur anhaltischen Mundart - Teil 4: Marcel Michaelis

Blogleser und Mundartkenner Marcel Michaelis hat uns ja schon in den Beiträgen zur anhaltischen Mundart http://barrynoa.blogspot.com/2010/10/beitrage-zur-anhaltischen-mundart-teil_30.html  und http://barrynoa.blogspot.com/2010/11/beitrage-zur-anhaltischen-mundart-teil.html  mit Gedichten und einer Kurzgeschichte erfreut. Den Bloglesern die sich für anhaltische Mundart interessieren, kann ich die erfreuliche Mitteilung machen, daß Marcel Michaelis für den B.N.-Blog sein Archiv an Buchtiteln und Dokumenten zur anhaltischen Mundart öffnet, so daß in unregelmäßiger Reihenfolge dies hier von mir veröffentlicht werden kann. Herr Michaelis würde sich freuen sein Archiv vervollständigen zu können und sollte dann nach Abschluß der Veröffentlichungen der Buchtitel zur anhaltischen Mundart noch ein Leser Hinweise auf weitere Bücher und Schriften geben können, dann würden sowohl M.M. wie auch B.N. sich darüber freuen.

Heute im Blog ein Foto von Marcel Michaelis, für alle die Leser die gern sehen möchten von wem denn die Kurzgeschichten und Gedichte stammen, und eine weitere Kurzgeschichte von ihm mitsamt einem Gedicht:

Marcel Michaelis


Blaue Flecke forn Paar Fennje

Im Jejnsatz zu heite wo mor manches ma nich weeß woher mit de Piepen, de Meise oder `n Zaster, jabs frieher ma ne Zeit wo se eens Jeld fors Nischttun hinnerher jeschmissen hamm. S´ Eenzije was mor dafor machn mußte, war sich ` n Sonnahmnd Vormittach frei zu nähm un sich fleißich zu bicken. Ich weeßes noch janz jenau, als obs erscht een Paar Tare her is, wie ich mich so in meine Jurend als 10 jährijer Dessauer Sonnenkopp, mein Taschenjeld uffjebessert hawwe. Un mich daruff, de janze Woche iwwer jefreit hawwe. Awwer ooch weil ich da nich in de Schule mußte. So bin ich fast an jedn Sonnahmd frieh nahs Rathaus jeloofn um mit de Konkurenz von bahle dreißich Kinner, de Fennje un Jroschens uffzusammeln, die de Brautleite mank de jurendliche Meute jeschmissn hamm. Heitzutare sieht mors ja nur noch janz seltn, wie dor Bräutijam wenne mit seine frisch anjetraute Frau de Treppe vons Dessauer Rathaus runnerkommt, sich in de Rockficke langet un ne Forsche voll Kleenjeld rauslangt un in de Menge wirft. Awwer in de 80zijer Jahre, da war das noch sowas wie ne Traditzjon jewesn un es war ooch noch nich dor Jeitz in de Herzen von de Menschn zu schpiern. Un schon jarnich an sonn Tach. So jenau weeß ich das nuh awwer jarnich mehr, wann se mit de erschte Trauung bejonn hamm. Ich jlowwe awwer mich zu arinnern, dasses so frieh um neine jewesn sinn muß. Jednfalls war wo immer an jutes zwee Dutzend Kinner wie sonn Schwarm lästje Fliejn un das bei jedn Wetter for de jroße Treppe vons Rathaus vorsammelt um sich dann wie de Assjeijer uff de Aluminjum-Münzen zu schtarzen. Een Paar von de Jungens un ooch ich hadden mit de Zeit, sowas wie een musikalisches Jeheer entwickelt. Nämlich jenau rauszuherrn wohin de jroßn Jeldschticke uffs Koppsteenflaster jefalln sinn. Dor Klang von de messingfarmnen zwanzich fennje Schticke konnte een jutes Ohr leichte rausherrn. Doch mits herrn alleene, warsch noch lange nich in de Hosnficke. Een jutes Ore mußte mor dazu ooch noch hamm un voralln schnelle Beene. De beste un sicherste Art an de Meise zu jelangn, awwer ooch de schmerzvollste war de Torwartmethode. Mor schtarzte sich eemfach längelank uff de Schtelle wo mor jlowwete, s` Jeld zuletzt jesähn zu hamm. Meestnteels jink das ja ooch janz jut un mich hamm meine Sinne nur seltn jetäuscht. Doch wenn zwee`e von de Assjeijer na de selwe Schtelle jehoppt sinn, oohh dann haddes schon manchesma an de Köppe jekracht. Un da ooch schon zu zu de damalije Zeit de Freindschaft beis Jeld uffheerte, simmer da nich immer zimperlich mittnnanner umjejang. Da floss so manche Träne, awwer nich wie een Paar Meter weiter vor Freede. Un jerade in` nen Sommer mit de kortschn Hosn, da hadde sich so mancher de Kniescheim uffjeschlahn un is heilnd widder nah Heeme jeloofn. Doch trotz manchor blauer Flecke un Schirfwundn wars immor an Fetz jewesn, wenn widder een Brautpaar de Treppe lenkrunner jekommn is. Da hat denn de janze Meute wie im Chor uff Kommando losjebrüllt "se komm, se komm, se komm". Im selwen Oorenblick suchte sich nuh jeder an passenden Platz for de kommende Sammelakzjon. Doch das jink nich jerade jeordnet zu, da war de Trengeleie mant vill schlimmer jewesn als wie heite bei `n erschten Tach vonnen Sommerschlußvorkoof bei Karschtadt. Wie kortsch vorher wenn se innen Leipzjer Zoo de Lähm jefittert hamm.. Doch das war noch jarnischt, weil de Rangelei erscht richtich losjink nachdem dor Jeldrejn uff Jrund von de Erdanziehung widder zurück uff de Erde jefalln is. Ville saren ja heite das mor frieher nich so ville Stress jekannt hamm un ooch dor Schpruch Zeit is Jeld war damals nich so aktuell jewesn wie heitzutare. Doch eens weeß ich heite, daß das for uns Kinner een janz scheener Stress jewesn is. Denn wer da nich ne flinke Hand un een jeschtrecktn Ellnboren jehabt hadde, den hatte de Konkurenz wie innen tiefstn Kapitalismus keene Schance jelahssn. Denns Jelduffsammeln is mit de Zeit sonn richtjer Wettschtreit jeworrn un de Schpielrejeln schtammtn nich von de sozjalistische Moralerziehunk. Ooh lieber Erich was hamm mir doch jesindicht. Un wer zum Schluß n meestn Zaster in de Tasche hadde, der war natierlich dor Jreeste an den Tach jewesn. Doch dafor jabs keene Medallje un ooch keene Urkunde, sondern nur ne Menge neidische Blicke von de annern Kinner. Vorallen de janz kleenen die sinn warklich nur mit een paar Fennje nah Heeme jejang. Nach so unjefähr 10 Brautpaare war dann dor janze Truwel widder vobei. Da hadde mor nuh zwee Hosentaschn voll mit de Aluschips un die wollte nuh jeder innen Schein inwechselt hamm. Un da war de nächste Meechlichkeet jlei um de Ecke innen Ratskellor jewesn. Dor Kellner hinnern Treesn is immer bahle wahnsinnich jeworrn, wenn da sonne Horde Fennichsammler rinjeschtirmt kamm um ihrte Fennje un Jroschens inzutauschn. Awwer nich mehr als wie zwee`e von de Jeldsammler hadden das Jlicke ihrte Fennje ooch jlei loszuwern. Die meestn mußten ihr Jeld nahn Bäcker bring, der `s kleene Jeld immor jarne jenommn hat. So hawwich mich uff die Art jedn Sonnahmd zwischn zehn un fuffzn Mark dazuvordient, inklusiwe blauer Flecke forn Paar Fennje.

Hochzeet

Wenn fors Rathaus Hochzeet war,
Denn jabs vor de Kinner Zaster.
Un wejn de jroße Schturzjefahr,
For manches Knie ooch Pflaster.

Nich nur de Fennje rolltn,
Un nich immer Freidestränen.
Alle was vom Zaster wolltn,
De Jroßn wie de Kleenen.

Jelatscht, jedrengelt un Jeschupt,
Nischt mit briederliche Volksmoral.
De Jroßn hamm de Kleen behupt,
Doch ooch die, die larntn das ma.

Da jabs nischt mit Nächstnliewe,
Da dachte jeder nur an sich.
Blaue Flecke jabs vor alle inklusiewe,
Jedn Sonnahmnd wöchentlich.

Donnerstag, 4. November 2010

Schallplatten-Nostalgie: Jimi Hendrix und der SED-und Stasi-Staat DDR



Als ehemaliger Rockmusiker (siehe: http://barrynoa.blogspot.com/2009/09/bn-und-seine-rockband-die-yoyos.html ) war es klar, daß ich zu DDR-Zeiten stark an Schallplatten westlicher Rockmusik interessiert war. Nun war es ja so, daß in dem durch über 2 Millionen SED-Genossen und hunderttausende Stasispitzel dominierten Staat DDR die westliche Rockmusik für das Spießbürgerpack in der SED und Stasi ein rotes Tuch war und Schallplatten die man aus dem Westen geschickt bekam, die fielen fast regelmäßig der Beschlagnahme anheim. Besonders freiheitliche Musiker der Hippie-Bewegung standen auf dem Index, vermittelten sie doch ein ganz anderes Lebensgefühl als es den Kleinbürgern, die in der DDR herrschten, genehm war. Daß nun dieses Spießbürgerpack, welches in SED und Stasi versammelt war und das Volk schikanierte und gängelte, nach der Wende sich sofort dem Kapitalismus andiente, aber natürlich seine kleinbürgerliche Denk-und Handelnsweise beibehielt, diese bloß einem anderen gesellschaftlichen Umfeld anpaßte, dies steht auf einem anderen Blatt, damals aber hängte man den roten Zensoren heraus, was sich allerdings zu späterer DDR-Zeit ein wenig legte, als man sogar Lizenzplatten bei Amiga verlegte.


Eine einzige Schallplatte von Jimi Hendrix (http://de.wikipedia.org/wiki/Jimi_Hendrix) kam durch den Zoll und erreichte mich per Geschenkpaket aus dem Westen, die oben abgebildete Platte mit frühen Live-Mitschnitten von „Hör Zu"). Daß Schallplatten in den 70er Jahren in Westdeutschland auch nicht gerade billig waren, dies zeigt das Preisschild rechts oben: 22,00 DM. „All Along The Watchtower“ – wer kennt nicht diesen Hit von Jimi Hendrix mit dem umwerfenden Gitarrensolo! In meiner damaligen Band, den „Yoyos“, spielten wir diesen Titel nach, denn er wurde immer gern von den Fans gehört. Jimi Hendrix vermittelte gerade der Jugend in der damaligen DDR ein neues freiheitliches Lebensgefühl, schon durch sein libertäres Auftreten. Daß diese Freiheitlichkeit dem Establishment nicht in den kleinkarierten Kram paßte, dies war verständlich, machte gerade diese Musik die damalige Unfreiheit und deutsche Spießigkeit gerade Jugendlichen mehr als deutlich.

„All Along The Watchtower” live gespielt:
http://www.youtube.com/watch?v=EEe0xwSEEB0  

Dienstag, 2. November 2010

Beiträge zur anhaltischen Mundart - Teil 3


Ein paar Gedichte von unserem Blogleser Marcel Michaelis, die kennen Sie ja schon, siehe den 2. Teil der Beiträge zur anhaltischen Mundart. Nun möchte ich Ihnen aber auch noch eine Kurzgeschichte von M.M. nicht vorenthalten, die er für die Leser des Blogs geschrieben hat. Ja, so war sie die Zeit damals in Dessau! Der Eintritt in die Freibäder war sehr billig und wer ein wenig fleißig war, der konnte sich durch Beerenpflücken einen schönen Batzen Geld hinzu verdienen. Auch Schüler nutzten die Annahmestellen für Obst und Gemüse, und was das beste war, man bekam mehr Geld für sein Obst oder Gemüse als es nachher im Laden verkauft wurde. Dies machte man staatlicherseits um die Kleingärtner zu animieren einen Teil ihrer Ernte in den Handel zu geben. Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß auch wir zuhause Äpfel, Birnen und Aprikosen bei diesen Annahmestellen verkauften und gutes Geld bekamen. Besonders unsere Aprikosen waren gefragt und man bekam für diese seltenen Früchte mehr als das doppelte an Geld als Erzeuger, als dann die Kunden bezahlen mußten. Alles vorbei – heute vergammelt das überschüssige Obst und Gemüse der Kleingärtner, keine einziger Supermarkt kauft einem etwas ab, die verkaufen lieber Exportware - Äpfel aus dem italienischen Südtirol, Birnen aus Südamerika und Aprikosen aus Marokko. Und all die Ware schmeckt nicht mal. Wenn ich noch an unsere herrlichen Aprikosen denke, dann läuft mir noch heute das Wasser im Munde zusammen, so lecker waren diese, kein Vergleich zu den faden Aprikosen die man heutzutage zu kaufen bekommt. Daß dieses jetzige Wirtschaften der pure Wahnsinn ist, mit den langen die Umwelt schädigenden Transportwegen und dem Nichtnutzen der einheimischen Ressourcen und all der Verschwendung durch Wegschmeißen von nicht verkaufter Ware, dies liegt auf der Hand.

Na dann viel Spaß beim Lesen anhaltischer Mundart. Da der Autor ein Dessauer Sonnenkopp ist, wenn auch jetzt in der Fremde wohnend, habe ich noch das Wahrzeichen dieser aussterbenden Spezies (es gibt kaum noch echte Dessauer Sonnenköppe) eingescannt, eben einen lustigen Sonnenkopp, passend zur sommerlichen Kurzgeschichte.

Marcel Michaelis

In de Bromberrn

Es warn ma widder de jroßn Sommerferjen jewesn un de Sonne meente es richtich jut mit uns. Schon frieh um zehne wars an de fimzwanzich Jrad heeß. Bloß jut das mors nich allzuweit bis nahs Freibad, na de Schtillinge haddn. Da es awwer ooch zu sozjalistischen Zeiten nischt umsonst jejähm hat, mußte mich meine Muttor bahle jedn Tach zwee Mark mitjähm. For fuffzich Fennje hammse mich `n janzn Tach lank in de ahle jrünjelbe Briehe bahn lassn un forn Rest hawwich dann jerade so noch n` Wirschtchn mit ne Beeme un Mostrich un een Becher mit rote Fassbrause jekriecht. Doch nich alle Eltern hamm ihrte Kinner zus bahn na de Schtillinge jeschickt. Die musstn sich mits Rad bis na de Adrija oders na`s Waldbad een abschtrampeln. Doch mor warn ne abjebriehte Sorte Jungens un uns haddes niche jeschteert, wenn se zus Freibad Rudi Arndt "Schtinkerlinge" jesacht hamm. Wer een Paar ma, wenn ooch unfreiwillich in de Mulde dor achtzjer Jahre een Schaumbad dor Marke: Bitterfeld H zwei O Ko jenomm`n hadde, den konnte ooch in de Zukunft un im alljemeenen nichema s`dreckichste Wasser mehr was anhamm. Weils nuh awwer schon de dritte Woche hinnernanner so scheenes Wetter war, wurres Jeld forn Intritt ins Freibad un for de Schpesn bei meine Mutter janz scheene knapp. Un se meente, ich sollte doch ma een Paar Tare Heeme bleim`n. Das wollte mich awwer jarnich jefalln, bei die Affenhitze. Un so hawwich simmeliert un mich n` Kopp jemacht, wie ich zu Jeld kommen kann. Un da kam mir dor Umschtand zujute das` ses zu de damalije Zeit een staatlichn Ankoof for Owest und Jemiese jejähm hat. Den jabs kwasi in jede Koofhalle un Jemieselahn. Da konntn de Leite ihr iwwerschissijes Owest un Jemiese aus ihrte Järtn hinbringn un kriechtn dafor dreima so ville Jeld, als wie`ses hinnerher widdor in de Jeschäfte vorkooft hamm. Dor Ankoof wurre nähmich subwensjoniert, um dor sozjalistischn Vitaminvorsorjunk n` bischen mehr Jeschmack, als nur na Appel un Cubappelsine zu jähm. Da ich un ooch nich meine Eltern, keen Jahrtn nuh ma nich haddn, hattich een jroßes Problem. Doch da ich schon seit eh un jeh ne Brille uff dor Nase trare, hawwich schon dunnemals, alleweile un manijes ma mehr jesehn als annere. So wußte ich das jlei hinnern Schlachthof etlije Bische mit de scheensten Bromberrn von janz Dessau schtandn. So hawwich mich mit sonne ahle Milchkanne un`nen jroßn Wassereemor bewaffnet. Un das mich nich de Bromberrbische bei lewendjn Leiwe uffschpießn, hawwich mich noch de dicke Wattejacke von meine Mutter anjezoren. So bin ich injemumelt wie een siebirischer Waldarweeter innen tieftsten Winter, bei die Affenhitze na de Bromberrn jeloofn. Un dor Schweeß lief mit, obwohl ich miche noch nich eema jebickt hadde. Schnell war de zweete Kanne volljeflickt, de Erschte hawwich mich jlei vor Ort invorleiwet, weil ich vons ville Schwitzn, sonn jroßn Dorscht jekricht hawwe. So lanksam awwer sicher wurre dor Eemor voll, awwer ähm noch nich janz. Un wie`s beis Brombeerflicken nu ma so is, an de Jreeßtn un an de scheensten Friechte kommt mor eemfach nich ran. Mit de olle Wattejacke blieb ich wo anne hunnert ma in das Jewusel vons Jeschtrippe hängn. Um doch noch an de Prachtexemplare zu jelang, wurre ich janz mutich un zoch de Jacke aus. Dor Ehrjeiz den Eemor noch randvoll zu packen, packte mich un mit een Wupptich schtarzte ich iwwor sonne blöde Wurzel. Wo iche nu jelannet war, das könnse sich ja wo denken. Mittn mank de Bromberrn. Im erschtn Moment hawwich mich so jefillt wie sonn Ijel, der sich seinen Pelz falschrum anjetreckt hadde. S´ zweete Jefiehl war schon een bessres jewesn, un ließ den Schmarz bahle widder vorjessen, da jenau iwwer mich de Jreeßten un scheensten Friechte von `nen janzn Busch hingen. Ich rapelte mich also wedder hohk un sammelte mit schmarzverzehrten Jesichte un zorstochnen Händn, de letztn Bromberrn in meinen Eemor. Bloß jut das der miche nich dabei umjefalln is, sonst hädde ich warklich noch Schei... jebrüllt. So bin ich dann mit de wertvolle Vitamine, na de nächste Ankoofschtelle jeloofn. Un hawwe for de janze Sammeleie 80 Mark jekricht. Nämbei häddn se mich bahle noch mit uff de Ware jeschtellt, weil ich na`s schtundnlange sammeln, ums Jesichte rum de Farwe von de Bromberrn anjenomm`n hawwe. Das ich mich volle vier Schtundn hinnorher waschen mußte, war miche awwer de Sache wert jewesn, denn de Ferjen warn jerettet. Unn was sacht uns die Moral von der Jeschichte. Kleene Bromberrn schmecken jut, doch de Jreeßtn un de Siessestn, die tun am meestn weh!

Montag, 1. November 2010

Fastnacht kontra Halloween

Ist das die neue deutsche Nationalfahne?

Ich kenne es noch, als Kind in den 50er Jahren im anhaltischen Dessau, da war es Brauch, daß die Kinder verkleidet durch die Straßen zogen und an den Häusern klingelten um zu Betteln („Heischen“). Meist gab es ein paar Bonbons, Nüsse oder Äpfel. Die Verkleidungen sollten nicht etwa gruselig oder furchterregend wirken, sondern eher lustig oder bettelig, wie etwa zerlumpte Kleidung, ein zerschlissener Hut und dergleichen. Dieser alte anhaltische Brauch, der auch in den meisten anderen deutschen Gebieten stark verbreitet war und der immer am Fastnachtabend stattfand, den gibt es nicht mehr, stattdessen wird das aus den USA importierte „Kulturgut“ Halloween immer mehr zu einer festen Größe im Feiergeschehen des Jahres.

Prinzipiell ist es ja zu begrüßen, daß die abstoßenden deutschen Mentalitäten zurück gedrängt werden und jeder Ausländer mehr in Deutschland ist ein Schritt zur Aufweichung der ganzen deutschen Untugenden, wie Obrigkeitshörigkeit, unsolidarisches Verhalten, Spießbürgerlichkeit, der sklavenhaften Liebe zu „Recht und Ordnung“, der Paragrafenverehrung und der deutschen Überheblichkeit etwas besseres zu sein als unsere ausländischen Mitbürger, obwohl das Gegenteil der Fall ist, wenn man den Volkscharakter der Deutschen betrachtet. Nicht zu Unrecht, spricht man im Ausland gern vom „häßlichen“ Deutschen, und damit meint man nicht nur die im Durchschnitt im Vergleich zu den meisten anderen Völker tatsächlich mehr als unästhetischen Deutschen, sondern ihre wahrlich wenig positiven Charaktereigenschaften, dies natürlich immer durchschnittlich gesehen und bekanntlich bestätigen Ausnahmen nur die Regel. Nun aber die allgemeine globale Amerikanisierung mitzumachen und diese Halloweenbräuche allenthalben zu betreiben als wenn man alles was aus Amerika kommt zwanghaft übernehmen muß, dies zeigt mal wieder die charakterlose Mentalität der Deutschen, die wie die Schafe in einer Herde, immer das mit großem Eifer mitmachen, was gerade der Mainstream ansagt.

Vor der Wende haute man in Mitteldeutschland auf den pseudosozialistischen Putz, beschwor die unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion und übernahm mit großem Eifer Traditionen der Russen. Aber der grenzenlose Opportunismus der Deutschen machte es mal wieder möglich und ratzpatz wandte man sich nach der Wende den Russen ab und den Amis zu. Da werden neuerdings Kampagnen gegen Ausländer gefahren, daß diese sich angeblich nicht integrieren wollen. Integrieren in was? Etwa in „deutsche“ McDonalds-Kultur oder „deutsches“ Hallooween? Integrationskurse für in Deutschland lebende Ausländer? Da scheinen wohl eher Reeducationskurse für Deutsche angebrachter zu sein und dies mit ein paar Nachhilfestunden in positivem wirklich deutschem Brauchtum.